Emma (BBC – 2009)
Emma (2009)
Kurzweilig und charmant umgesetzt ist diese Variante von Jane Austens Emma, die BBC 2009 im Serienformat (4 Teile) herausgebracht hat. Als Emma Woodhouse ist Romola Garai, eine junge Schauspielerin, die ich bisher nicht bewusst wahrgenommen habe. Sie hat in Dirty Dancing (II) mitgewirkt und daran erinnere ich mich nur insofern, dass die Hauptdarstellerin eine sehr große Person war, die ein wenig unbeholfen herüberkam. Der Wiedererkennungseffekt kam reichlich spät und war auch gut so. Hätte ich vorher gewusst, dass beide Damen identisch sind, hätte ich diesen Film vermutlich mit Vorurteilen gesehen.
Aufmerksam wurde ich auf den Film nämlich erst durch zwei Kritiken auf Amazon, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten. So heißt es in einer, dass diese Emma-Verfilmung perfekt sei und die Darsteller ideal etc. während die andere über die plumpe und bäuerliche Art der Darstellerin von Emma Woodhouse lästerte und die Aussage traf, dass Harriet Smith um Längen intelligenter blicken würde als Miss Woodhouse. Mit zwei solch gegensätzlichen Meinungen im Hinterkopf sah ich mir die Serie an und bin … sehr angetan. Dieser Film ist detailgetreu. Die Darsteller sind akribisch ausgewählt und sie haben Schwächen und Fehler, wie Jane Austen erzählt. Wenn die Aussage von Jane Austen über Emma gegenwärtig bleibt, so wollte sie mit Emma Woodhouse einen Hauptcharakter schaffen, den man erst nach und nach gern hat, er sollte unsympathisch sein und eigentlich sollte man ihn am Anfang hassen.
In dieser Verfilmung kommt Emma Woodhouse gerade im ersten Teil sehr unsympathisch herüber. Sie erscheint launisch, neidisch, eifersüchtig und alles andere als sympathisch. Die Erinnerung an das Buch ist allgegenwärtig, was wunderbar ist. Erst nach und nach lernt man die netten Seiten von Emma kennen. Man erkennt und versteht, warum sie so launisch herüberkommt, ab und an. Ihr wurde nach der Heirat ihrer Schwester freie Hand gelassen. Ihr übervorsichtiger Vater, ein Hypochonder, tut sein übriges. Die ständige Angst, auch noch Emma zu “verlieren”, ist allgegenwärtig. Sie sonnt sich in Aufmerksamkeit und genießt es sehr, wenn sie diejenige ist, der die Aufmerksamkeit zukommt. Schließlich muss sie daheim ihre Aufmerksamkeit völlig auf den Vater richten.
Wunderbar ist der Anfang, der zeigt, wie sich das Schicksal dreier junger Menschen, die allesamt in Highbury und Umgebung die ersten Jahre ihres Lebens verbracht haben und rein vom Alter her gar nicht so weit auseinander liegen. Emma Woodhouse, Jane Fairfax und Frank (Weston) Churchill werden hier dargestellt, dass sie sich als Kinder bereits kannten, zumindest vom Sehen her. Jane Fairfax wurde als Waisenkind in die Obhut der Familie eines Colonels gegeben. Ihre Familie, die Familie Bates, muss in finanzieller Hinsicht durch den Tod des Vicars Bates einen herben Verlust hinnehmen. Miss und Mistress Bates sind folglich verarmt und müssen sich einschränken, sodass sie ihrer Nichte und Enkelin durch die Weggabe ein besseres Schicksal ermöglichten. Jane ist also fort. Ebenso Frank Churchill, der nach dem Tod seiner Mutter durch deren Schwester nicht nur vom Vater weggeholt wird, sondern eigentlich gezwungen wird, seine Identität aufzugeben, indem er er den Namen der Tante annimmt. Er wird ihr Erbe und ihr verwöhnter Neffe. Auch er verschwindet aus Emma Umfeld. Während man von Jane Fairfax stets Neuigkeiten hört und Emma ihre Fortschritte stetig unter die Nase gerieben werden, rückt Frank Churchill erst wieder ins Bewusstsein, nachdem Emma Gouvernante, Miss Taylor, Franks Vater heiratet und so die neue Mistress Weston, also Franks Stiefmutter wird.
Die Wege der drei jungen Leute kreuzen sich wieder, als Emma 21 Jahre alt ist und sich der Wohlsituiertheit ihrer Lage lediglich ab und an bewusst ist.
Die Einleitung erfolgt behutsam und sehr detailliert, was definitiv nicht schlecht ist. So ist man bei dieser Verfilmung nicht auf Vorkenntnisse angewiesen, was bei den anderen Verfilmungen durchaus angebracht ist.
Überraschend ist die Darstellung der Harriet Smith. Sie ist süß und lieblich. Ja, lieblich ist das recht Wort. Harriet kommt so süß und folgsam herüber wie im Buch beschrieben. Es ist ab und an auch sehr deutlich, wie schlecht Emma Harriet eigentlich behandelt. Obwohl Emma der Ansicht ist, dass Harriet die natürliche Tochter eines Gentlemans ist, vergessen weder sie noch Harriet, was Status und Stellung von beiden verlangen. Sie ist Harriet nur im Hintergrund, wenn Emma mit Mistress Weston agiert oder so trägt Harriet auch stets die schwereren Körbe.
Hoffährtig wird Harriet erst, als sie glaubt, Mr. Knightley würde sie lieben. Sie glaubt, sie sei der Liebe dieses Mannes würdig, nachdem Emma ihr unbewusst zugeredet hat. Erst nach diesem Erleben fällt das Mädchen wieder zurück in ihren sozialen Kreis, ohne dass die Freundschaft zwischen Emma und Harriet auf Dauer gefährdet wurde. Dass sich zwischen beiden Frauen eine Einschränkung des Kontakts anbahnt, deutete sich bereits an, als Emma und Jane untereinander Verstehen erkennen. Und Jane Fairfax liegt sehr deutlich in Emmas Nähe.
Ich bin der festen Überzeugung, dass sich die Macher dieses Filmes nicht nur von Jane Austens “Emma” haben inspirieren lassen, sondern auch bei Joan Aikens “Jane Fairfax” Anleihen genommen haben. Es deuten mehrere Indizien darauf. So scheint Jane Fairfax in dieser Verfilmung sorgfältiger ausgearbeitet als in der Verfilmung mit Gwyneth Paltrow oder der mit Kate Beckinsale, beide als Emma und beide Verfilmung aus dem Jahr 1996. Von der US-Amerikanischen Variante mit Gwyneth Paltrow halte ich – zugegebenermaßen – immer weniger. Lediglich Mistress Elton ist dort ein absolutes Highlight. Jeremy Northam als End-Dreißiger Junggeselle ist definitiv zu hübsch, auch wenn er gut und glaubhaft spielt, Toni Colette ist als Harriet Smith, die als ätherische Schönheit beschrieben wird, soweit ich mich erinnere, zu plump und bäuerlich, sodass man von ihr kaum sagen kann, sie hätte den Charme, den Emma einer natürlichen Tochter eines Gentleman zutrauen würde. Was die Verfilmung mit Kate Beckinsale angeht, so halte ich hier die Auswahl der Schauspieler sehr gelungen. Kate ist eine fabelhafte Emma mit einem Tick mehr Eleganz und Charme als die blonde Romola. Auch die Harriet ist mit Samantha Morton gut besetzt. Marc Strong ist schon wieder einen Tick zu attraktiv, wobei das Geschmackssache ist. Der grobe Fehler sind hier die Eltons. Sie sind mir persönlich nicht vornehm genug. Mr. Elton vergisst sich in der Kutsche und zieht lächerliche Grimassen, obwohl er eigentlich seine Angebetete zu bezaubern gedenkt und auch Mistress Elton ist vollkommen daneben. Sie ist nicht etwa affektiert, sondern einfach nur grob unhöflich, laut und ordinär.
Das bringt mich eigentlich zu meinem geheimen Lieblingspaar: Die Eltons. Christina Cole ist eine fabelhaft Augusta Elton. Hübsch und gebildet, eine Frau die vom Typ her Emma und Harriet eigentlich in nichts nachsteht. Der gleiche Typ Frau. Die Ähnlichkeit ist gegeben. Ihr fehlt, was die anderen Frauen haben: Bescheidenheit (Harriet) und Taktgefühl (Emma, die Beleidigung von Miss Bates ist die einzige Ausnahme). Während Emma den Fehler erkennt, weiß Augusta nichts von Fehlern. Sie hält sich für makellos, schon aufgrund ihres Vermögens. Sie ist stets erpicht darauf die erste Geige zu spielen und sie wird der Öffentlichkeit auch so präsentiert. Von ihrem ersten Erscheinen an wird deutlich, dass vieles auch von Mr. Elton arrangiert wird, um Emma zu brüskieren und ein beschauliches Glück nach außen zu tragen. Schade, dass die Eltons so wenig Szenerie haben, leider leider leider. Ein wenig mehr Zickerei zwischen ihnen und Emma wäre genial gewesen, doch das ist nicht in der Vorlage zu finden und würde zudem diese fabelhafte Szenerie in den Bereich einer selbstlaufenden Seifenoper herabsenken. Das ist nicht wünschenswert.
Es gab stets das eine oder andere Highlight und der Eindruck bleibt bestehen, dass die Macher sich in der Tat Anregung bei Joan Aiken geholt hat, denn bei Joan Aiken ist Emma ein wenig linkisch, was ihr jedoch gut steht, schließlich kann man von einer jungen Frau, die ihren Horizont nur auf Highbury und Umgebung hatte ausrichten können, Weltgewandtheit erwarten, wie sie bei beiden anderen hier genannten Emma-Verfilmung aufweist. Diese 2009er Emma hat den Touch eines Mädchens vom Land, was sie mit der Zeit charmant und liebenswert erscheinen lässt.
Alles in allem, ein wunderbarer Film, den BBC wieder auf die Beine gestellt hat und so verfestigt sich die Ansicht, dass die idealen Literaturverfilmung britischer Literatur von der BBC gemacht werden.
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