Gelesen und gesehen

Donna Leon: “Venezianisches Finale”

Posted in Kriminalliteratur by ricardaknits on 19. Oktober 2010

Donna Leon: “Venezianisches Finale”

(Oktober 2010)

Normalerweise ist es bereits zu spät, um auf den fahrenden Zug des Commissario Brunettis aufzuspringen. Seit 1992 ermittelt er und seit 1993 auch in deutscher Sprache. Eigentlich ist es wirklich zu spät, denn mittlerweile gibt es seinen achtzehnten Fall auf Deutsch und sein neunzehnter ist bereits in Englisch erschienen. Doch wie derjenige, der mich kennt, sofort bemerkt: Normalerweise, eigentlich … alles Einschränkungen, die zeigen, dass es Abweichungen vom angenommenen Verhalten oder Zustand gibt.

Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich habe es nun endlich geschafft, einen Commissario Brunetti-Roman zu lesen. Selbstverständlich den ersten. Schließlich beginnt man ja am Anfang und nicht in der Mitte. Es kann ja passieren, dass sie Donna Leon als eine der Autorinnen von Reihen entpuppt, die sich nicht bei jedem Roman wiederholen und die im ersten Teil genannten Eigenarten des Hauptakteurs dem Leser immer und immer wieder vor den Latz knallen. Und außerdem gibt es ja – was wiederum typisch für eine Reihe ist – kontinuierlich auftauchende Nebencharaktere, die ein Eigenleben haben und nicht selten ein solches erst in Buch vier oder siebenzwanzig entwickeln. Diesen Sprung von reiner Staffage zur fiktiven Existenz möchte ich nicht verpassen. Also der Beginn ist ein netter Anfang. Oder ist der Anfang ein netter Beginn? Bevor ich hier ins Philosophieren gerate, kehre ich lieber zum Commissario zurück.

Er gefällt mir. Kurz und knapp. Er gefällt mir und ich habe nichts dagegen, den zweiten Roman, der sich bereits auf meinem Schreibtisch befindet, zu lesen. Es macht Spaß mitzuraten und es ist ein Vergnügen, zu erkennen, wie richtig man doch liegt, mehr oder weniger.

Venizianisches Finale führt den Leser ins klassische Venedig, ins Venedig der klassischen Musik. Schließlich wird ein Star-Dirigent getötet. Nicht irgendein Star-Dirigent, sondern DER Wellauer, ein deutscher Dirigent der alten Klasse, der alten Schule, der wenig beliegt ist, was sich darin äußert, dass beinahe jeder ein Motiv hat. Der Schlüssel und das eigentliche Motiv der Tat liegt, so weiß Brunetti im Wesen des Opfers. Und um dieses Wesen des Opfers zu ergründen, stochert Brunetti tief. Er bringt Geheimnisse über den Maestro ans Tageslicht, die er so nie erwartet hätte.

Ich möchte der Lösung des Falles nicht vorweggreifen und auf Motive anspielen oder Verdächtige nennen. Selbst wenn dieser – wie die meisten anderen Fälle – in der Donna-Leon-Reihe fürs Fernsehen verfilmt wurden – kennt der eine oder andere sie vielleicht noch nicht. Nur so viel: Der Täter, der auf der Hand liegt, ist der erste auf Brunettis Liste und gleichzeitig auch der unwahrscheinlichste. Irgendetwas stimmt an diesem Fall nicht und Brunetti braucht eine Zeit, um dahinterzukommen. Der Leser übrigens auch.

Ein kurzweiliges Lesevergnügen, dass auch die menschliche Seite des Commissarios, die Familie des Mannes, seine Schwäche und seine Verwunderungen, nicht außer Acht lässt. Ich mag den Mann einfach, bereits von der ersten Zeile an, zumindest der ersten Zeile seines Auftretens. Nur ein Problem hat das Buch. Man sollte es nur dann beginnen, wenn man weiß, dass man genügend Zeit fürs Lesen hat, sonst ist man gezwungen, das Buch aus der Hand zu legen, bevor es zuende ist. Und das geht nun wirklich nur sehr sehr schwer.

 

 

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