Ken Follett: “Die Säulen der Erde”
Ken Follett: “Die Säulen der Erde”
(31. Oktober 2010 – 08. November 2010)

Ken Follett: "Die Säulen der Erde"
Bahnhofsbuchhandlung. 1997. Das Buchcover ist ansprechend, die Kurzzusammenfassung ebenso. Der Lesestoff ist ausgegangen und zudem wurde mir das Buch damals empfohlen. Also habe ich es gekauft. Ich habe im Zug begonnen und bin über den Prolog und den sich anschließenden Bruch von immerhin elf Jahren nicht hinausgekommen. Die Zugfahrt war entsprechend kurz und das Buch landete im Regal, ganz oben und verkam zu einem Stauffänger.
2010: Im Fernsehen wird die Vorschau auf das TV-Movie-Ereignis des Jahres vermehrt hingewiesen. “Die Säulen der Erde” wurden verfilmt. Vier Teile und allesamt werden sie ab nächster Woche auf Sat.1 ausgestrahlt werden.
Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nur eines gibt: Entweder man mag das Buch oder man mag den Film. Zumindest bei den “modernen” Romanes ist dies der Fall. Es sei dahingestellt, ob die Romane nun zur historisierenden Literatur zählen oder zur Sciene Fiction oder realen Belletristrik. Modern ist hier im Sinne von in den letzten 50 Jahren geschaffen.
Die Begeisterung für das Buch ist ja bekannt und daher dachte ich mir, dass ich dem Buch noch einmal eine Chance gebe. Es sind immerhin 13 Jahre vergangen und vielleicht fehlten diese 13 Jahre, um einen Zugang zum Buch zu bekommen. Der Hype war und ist ja eigentlich vorbei. Bevor ich mir also den Film/die Filme antue, lieber das Buch gelesen.
Schmuckloses Fazit: 1151 Seiten. Von diesen habe ich 900 gelesen. Die restlichen 251 habe ich überblättert. Von diesen 251 Seiten befanden sich 200 in den ersten 600 Seiten. Danach wurde es spannend. Nun mag der Eindruck entstehen, dass sich Ken Follett die ersten 600 Seiten hätte sparen können, dem ist allerdings nicht so. Follett braucht diesen langen Vorlauf, um die Charaktere einzuführen. Sicher wäre es auch anders gegangen und ich befürchte ernsthaft, wenn Follett dieses Mammutwerk einem deutschen Verlag angeboten hätte, dass dieser rigoros mit der Begründung abgelehnt hätte, dass die Story zu langatmig ist, es um gut ein Drittel gekürzt werden muss und dergleichen mehr. Das ist von mir jetzt eine Behauptung, doch aufgrund der Tatsache, dass die Übersetzung eines Buch wie “Harry Potter und der Stein der Weisen” eigentlich nur deswegen in Deutschland zustande kam, weil der Entscheidungsträger gerade erst aus dem Erwachsenen-Sektor gekommen ist, und sich nicht darüber im Klaren war, dass Kinderbücher nicht nur aufgrund des Inhalts, sondern auch und vor allem aufgrund der Länge angenommen oder abgelehnt werden, traue ich einigen Verlagen ein solches Verhalten durchaus zu.
Ich bin kein begeisterter Fan der weitschweifigen Art Folletts, die dieser in den ersten 600 Seiten an den Tag legt. Ich stand kurz davor, das Buch wieder aus den Händen zu legen, wenn es nicht Aliena gegeben hätte, die Tochter des zum Verräter abgestempelten ehemaligen Grafen von Shirling. Die Sache mit der Kathedrale war, und ist es noch, in meinen Augen nur ein roter Faden, der das räumliche Zentrum und den groben Zankapfel der Geschichte darstellt. Interessant ist Aliena. Hätte es diesen Charakter nicht gegeben, hätte das Buch für mich den Reiz verloren. Sie hat mich zum Weiterlesen angespornt und das mit Erfolg. Am Ende war klar, dass Follett diesen ganzen Wust an Informationen, kleinen Begebenheiten der ersten 600 Seiten brauchte, um den Charakteren ein geeignetes Fundament zu geben. Ohne diese gesamten Vorabinformationen, wäre Vieles nicht schlüssig gewesen. Zu komplex sind die politischen und persönlichen Verwicklungen des Einzelnen. Was mich gestört hat, extrem, waren die eingestreuten Erotik-Szenen. Ich hatte den Eindruck, dass sie das Bild stören würden, selbst wenn sie nur dann eingeflochten wurden, wenn William Hamleigh ins Spiel kommt und der Autor ihn als rohes, brutales, bösartiges Monster darstellt, der schaltet und waltet wie er will. Es ist nicht zu viel verraten, dass William der Schurke ist.
Rettender Engel und ein Ausbund an Mildtätigkeit ist Prior Philipp, auf dessen Idealen die zu bauende Kirche gründet. Er möchte ein Gotteshaus und er setzt sein ganzen Streben daran, ein Haus zu errichten, welches Gott würdig ist. Ihm zur Seite stehen nacheinander zwei ebenso fanatische Verfechter des Kirchenbaus: Tom Builder und sein Stiefsohn Jack Jackson. Während Philipp jedoch als Ziel hat, eine Kirche um Gottes Willen zu errichten, baut Tom Builder die Kirche um der Kirche willen. Es ist die größte Herausforderung für einen Baumeister eine Kathedrale zu errichten. Hier kann er sein ganzen Geschick, seine ganze handwerkliche Kunst hineinlegen und sein wahres Meisterwerk schaffen. Jack ist in diesem Fall nicht anders.
Was mich im Nachhinein beeindruckt hat, war die fundierte Kenntnis Folletts über die Funktionsweise einer Dombauhütte, wie sich im Mittelalter die Machtkonstellationen in Städten, Niederlassungen, Handwerkergilden, auf Märkten etc. gestaltete. Das alles strahlte schon eine gewisse Faszination aus. Follett bedankt sich am Ende bei den Menschen, die ihn fachkundig betreuten.
Fazit: Ein schwer einzuschätzendes Buch, das auf den ersten Blick ein Konglumerat aus wenigsten drei historischen Romanen bildet. Zumindest hätte man drei daraus machen können. Ein Querschnitt durch die Dinge, die in England des 12. Jahrhunderts, als mit dem Tod Heinrichs I. und dem vakanten Thron ein Erbfolgestreit ausbrach, der erst Jahre später durch einen Kompromiss zwischen Stephan von Blois, einem unehelichen Sohn Heinrichs I., und Heinrich II., einem Enkel Heinrichs I., vom Tisch gefegt wurde. Auch die Ermordung von Thomas Becket kommt nicht zu kurz. An alles ist gedacht. Nur die anfängliche Trägheit der Erzählung und das eigentümliche Gefühl, vom Autor nicht durch die Geschichte geleitet zu werden, sondern selbst seinen Weg suchen zu müssen, haben einen ernüchternden Nachgeschmack bei diesem Buch hinterlassen.
Alles in allem: Augen zu und durch die ersten Kapitel durch und dann wird es interessant und kurzweilig. Die letzten 500 Seiten haben durchaus Magnetcharakter. Doch zu diesen 500 Seiten muss man erst einmal kommen. Es lohnt sich durchzuhalten. Wenn ich fünf Sterne verteilen könnte, würde ich dem Roman “Die Säulen der Erde” drei und einen halben geben. Drei sind zu wenig und vier wären zu viel. Ich bedaure es nicht, das Buch gelesen zu haben, doch wahrscheinlich wird es erneut 13 Jahre als Staubfänger auf dem Regal verbringen müssen, bevor ich es ein zweites Mal lese.
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