Stieg Larsson: “Verblendung”
Stieg Larsson: “Verblendung” Schwedisch vs. Amerikanisch
(Sonntag, den 15.01.2012)
Am Sonntag kam ich in den Genuss, mir beide Verfilmungen kurz hintereinander zu Gemüte führen zu können. Daher hatte und habe ich den direkten Vergleich, der nur dann ideal wäre, hätte ich bereits das Buch gelesen. Das Buch hatte anfangs auf mich keinen Reiz ausgestrahlt. Ich bin keine fanatische Krimileserin, die jede neuen Fall in sich aufsaugt, als bräuchte sie ihn wie die Luft zum Atmen.
Reiz hat das Buch erst jetzt auf mich, da mir durch beide Filme mehrere unterschiedliche Sichtweisen auf die Hauptcharaktere unterbreitet wurden. Wie hat Stieg Larsson eigentlich Lisbeth Salander angelegt? Wie ist der Larsson’sche Mikael Blomquist? Ist er mehr wie Craig Parker oder eher wie Michael Nyquist? Ist die Lisbeth wirklich eine junge Frau, die so dermaßen asozial ist, wie Rooney Mara oder doch eher eine in sich gekehrte realistische junge Frau mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn – nicht Rechtsverständnis – wie Naomi Rapace?
Fragen über Fragen, die nur das Buch lösen kann. Steht auf der Leseliste für dieses Jahr!
Wenn ich direkt gefragt werde, welcher Film mir besser gefallen hat, so fällt das Urteil ganz klar zugunsten der Schwedischen TV-Verfilmung aus. TV deswegen, weil es zwei Varianten gibt. Eine gekürzte Fassung wurde ins Kino gebracht und die längere fürs Fernsehen aufgearbeitet. Sie ist intensiver. Sie ist homogen. Sie glänzt durch Logik und sie glänzt dadurch, dass nicht beim ersten Auftauchen der Schauspieler klar wird, wer hier der Bösewicht ist und wer das Opfer. Rein von der Optik, rein vom Auftreten, rein von Mimik und Gestik ist das bei Hollywood bereits von Anfang an klar. Da liegt mit dem ersten Auftauchen von Stellan Skarsgård (Martin Vanger) und seinem ersten Lächeln bereits auf der Hand, dass er der Bösewicht ist. Wer sonst?
Der Journalist Mikael Blomquist, genannt Kalle Blomquist, wird schuldig gesprochen gegen den Wirtschaftsmagnaten Wennerström üble Nachrede begangen zu haben und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Bis er seine Strafe antreten muss, bleiben sechs Monate Zeit. Wie Blomqist diese verbringt, ist ihm nicht wirklich klar. Entweder er macht als Journalist weiter oder aber er tut nichts. Ein Angebot von Seiten eines zweiten Wirtschaftsmagnaten, Henrik Vanger, enthebt ihn dieser Entscheidung. Vanger selbst recherchiert seit 40 Jahren das Verschwinden seiner damals 16jährigen Nichte, von der er glaubt, dass sie ermordet worden ist. Seit vierzig Jahren bekommt er zu seinem Geburtstag eine getrocknete Blume geschenkt, was zuvor seine Nichte stets getan hatte. So glaubt Vanger, dass der Mörder ein perfides Spiel mit ihm treibt. Mittlerweile ist er 82 Jahre alt und die Zeit zerrinnt ihm unter den Fingern. Da er Blomquist für einen fähigen Journalisten hält und weiß, dass dieser – trotz seines letzten Misserfolgs – zu recherchieren versteht, bietet er ihm an, die sechs Monate bis zum Haftantritt für ihn weiter nach dem Mörder seiner Nichte zu recherchieren, in der Hoffnung, ihm möge etwas auffallen, was er bislang übersehen hatte.
Anfangs weiß Blomquist nicht so recht, was er davon halten soll, bis Vanger ihm die Augen öffnet: Mikael hatte einen Sommer lang mit seinem Vater bei den Vangers verbracht. Das verschwundene Mädchen hatte auf ihn aufgepasst, sie war seine Babysitterin und er hatte sie wohl sehr gern. Nach und nach taucht in seiner Erinnerung auch diese Zeit wieder auf. Ihn packt die Neugierde, was es mit dem Tod des Mädchens auf sich hat.
Blomquist bekommt das ganze Material zur Verfügung gestellt und kann mit der Arbeit beginnen. Er recherchiert und entdeckt anfangs nichts Neues. Er stößt auch zum Teil auf Unverständnis. Dennoch bleibt er am Ball. Unvermutet wird ihm Hilfe aus dem Netz zu teil. Die junge Lisbeth Salander unterstützt ihn und gemeinsam setzen sie das Puzzle zusammen.
Was macht Hollywood? Ganz einfach … es legt die verschlungenen Beweise und verborgenen Hinweise so dermaßen offen zur Schau, dass man sich fragt, wie ein intelligenter Mann mit wachem Verstand und offenen Blick, wie Henrik Vanger, diese Hinweise nicht hat sehen können. In der Schwedischen Verfilmung sind diese Beweise kaum zu erkennen und dennoch vorhanden.
Man kann sagen, dass Hollywood ein wenig plump die Spuren legt und lenkt. Das heißt nicht, dass der Film schlecht ist. Er ist nicht wirklich schlecht. Er hat einiges, doch versprach der Trailer einen anderen Stil.
Kommen wir nun zu Lisbeth. Hollywood macht aus ihr einen kompletten Außenseiter. Ein Mädchen, dass so dermaßen asozial ist, dass man nur zwei Möglichkeiten hat: Man hasst oder man liebt sie. Ich schwanke hier noch. Ich verstehe allerdings nicht, warum man Rooney Mara für den Golden Globe nominierte, denn das war und ist es bei Weitem nicht wert! Sie ist rigoros, sie ist flapsig, sie zeigt keinerlei Regung! Ihr fehlt Menschlichkeit und zu einem kleinen Teil kann man sie skrupellos nennen! Sie ist ein Stereotyp. Die amerikanische Lisbeth ist austauschbar!
Die schwedische Lisbeth hingegen offenbart Menschlichkeit in ihren Regungen. Es wird klar, warum sie an Blomquist interessiert ist. Es wird klar, dass sie die Abgründe der Menschen kennt und sich gegen diese eigentlich zu wapnen weiß. Sie hat ein fundamentales Empfinden für Richtig und Falsch, selbst wenn Richtig nicht unbedingt mit dem Recht vereinbar ist. Sie ist eine junge Frau, mit der man mitfühlen und empfinden kann ohne an eine Stereotype zu denken.
Dass nebenbei noch ein Frauenmörder enttarnt wird, ist eine andere Sache. Wie es getan wird und was mit Harriet Vanger, jenem 16jährigen Mädchen, passierte, schreibe ich hier nicht weiter, falls jemand das Buch noch lesen möchte oder einen der beiden Filme zu sehen wünscht, soll ja nicht alles im Vorfeld verraten worden sein.
Achja: Man kann beide Filme beinahe eins-zu-eins übereinander legen und weiß, dass sich die Amerikaner nicht die Mühe gemacht haben, ein Buch zu verfilmen, sondern sich die Aufgabe stellten, einen ausländischen Film einem amerikanischen Publikum schmackhaft zu machen, indem sie ihn als Remake auf den Markt bringen und alles, was europäisch ist, herausnehmen, um es durch leicht nachzuvollziehende Eineindeutigkeiten zu belegen.
Ich empfehle übrigens den schwedischen Film. Sollte jemand beide schauen wollen: Bitte genau überlegen, ob erst Hollywood und dann Schweden oder umgekehrt. Sollte die Wahl auf nur einen Film fallen, dann bitte Schweden.
Eure Ricarda.
[...] zu beiden Filmen findet ihr hier: Stieg Larsson: „Verblendung“ Schwedisch vs. Amerikanisch Gefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post [...]