Lucinda Riley: „Der Lavendelgarten“

Buchhandlungen in Bahnhöfen sind gefährliche Gegenden. Ahnungslose Passanten werden von gesichtslosen Stimmen gelockt, in den Buchladen hineinzugehen. Schweifend, auf der Suche nach „geistiger“ Nahrung oder zumindest gedanklichem Naschwerk, macht sich der Passant daran, die undurchschaubaren Gefilde des Ladens zu erkunden. Dann taucht ein Buch auf, das durch sein Cover und seinen Titel die Neugierde des ahnungslos Suchenden weckt. Er greift nach dem Buch, ohne zu begreifen, warum. Dann liest er den Klappentext und der klingt schon mal sehr interessant. Warum sollte er das Buch also nicht erwerben, denn schließlich liegen einige Stunden Bahnfahrt vor ihm? Also: gekauft.
So ging es mir bei Lucinda Rileys „Der Lavendelgarten“. Schon vor einigen Monate hatte ich das Buch in der Hand und hatte überlegt, ob es mich reizen würde oder nicht. Im Mai legte ich es noch beiseite, da die Zeit eine Lektüre einfach nicht hergab. Vor einigen Wochen jedoch war es anders. Eine längere Bahnfahrt stand an und da kam „gedankliches Naschwerk“ recht gelegen.
Jahrelang hat Emilie de la Martinières darum gekämpft, sich eine Existenz jenseits ihrer aristokratischen Herkunft aufzubauen. Doch als ihre glamouröse, unnahbare Mutter Valérie stirbt, lastet das Erbe der Familie allein auf Emilies Schultern. Sie kehrt zurück an den Ort ihrer Kindheit, ein herrschaftliches Château in der Provence. Der Zufall spielt ihr eine Gedichtsammlung in die Hände, verfasst von ihrer Tante Sophia, deren Leben von einem düsteren Geheimnis umschattet war – einer tragischen Liebesgeschichte, die das Schicksal der de la Martinières für immer bestimmen sollte. Doch schließlich erkennt Emilie, dass es noch nicht zu spät ist, die Tür zu einer anderen Zukunft aufzustoßen …
So liest sich der Klappentext. Warum eigentlich nicht? Eine junge Frau, die sich von Tradition, Gesellschaft und Schubladendenken emanzipiert. Das hört sich doch alles gut an, nicht wahr? Aber langsam und von Beginn an.
Der Roman beginnt mit der jungen Tierärztin Emilie de la Martinières, die am Totenbett ihrer Mutter nicht nur vor dem Problem steht, was passiert mit den Schulden der Mutter, sondern auch: Was passiert mit dem Erbe? Emilie ist trotz der desaströsen Finanzlage ihrer verstorbenen Mutter, einer Dame der oberen Gesellschaft, alles andere als arm. Der Mangel besteht lediglich an flüssigen Geldmitteln. Was passiert mit dem Haus in der Provence? Was mit dem Haus in Paris? Alles Fragen, die auf die junge Ärztin einströmen. Natürlich ist es klar, dass nach dem Tod eines nahen Angehörigen – egal ob man ihn mochte oder nicht -, eine Phase der Handlungsunfähigkeit kommt. Mancheiner ist wie gelähmt und so geht es auch Emilie. Sie weiß, dass sie Entscheidungen treffen muss, doch dazu ist sie nicht in der Lage. Der rechtschaffende Anwalt, der die Familie seit Jahren betreut und berät, bietet sich der jungen Frau als zuverlässiger Berater an, doch beide werden einfach nicht warm, was schade ist. Emilie ist schwankend, unsicher und irgendwie träge. Das sind zwar Gemütszustände, die ich gerne ihrer derzeitigen Situation zuschreiben möchte, dennoch passen sie kaum zu einer Frau, die sich gezielt gegen Tradition und Gesellschaft entschieden hat, sich ein Leben als Tierärztin fernab von Oberflächlichkeit geschaffen hat.
In dieses Zustand psychischer Labilität taucht ein Fremder auf und der Leser spürt sofort, dass ihm etwas nicht stimmt! Zuvor warnte der Anwalt sie noch, dass der Tod Valéries eine Menge angeblicher Verwandter, verschollener Cousins und Cousinen wie auch lange vergessene Freunde auf die Bidlfläche rief. Und genau in dem Moment taucht ein Mann auf, der eine Galerie in London führt und prompt in der Gemäldesammlung des Herrenhauses einen unsignierten Matisse entdeckt. So weit so gut. Anfangs verhält sich Emilie nachvollziehbar. Sie misstraut dem Fremden, denkt an die Aussage des Anwalts und geht dann kurz mal ins Internet und sucht nach der Galerie. … und genau hier beginnt die Geschichte in der „Gegenwart“ merkwürdig zu werden. Die gegenwärtige Geschichte spielt im Jahr 1998. Google gibt es als Suchmaschine unter dem Namen seit September 1998, den Vorläufer seit 1996. Wann wurde es eigentlich üblich, dass man einfach so ins Internet gehen kann und erwarten darf, dass jedes Unternehmen, jede Agentur oder Galerie, selbst die Bäckerei in Klein Kleckersdorf eine Web-Präsenz hat bzw. man über das Internet erfahren hat, ob es ein Unternehmen gibt, wo es zu finden ist und derlei Informationen? Hat man 1998 nicht eher die Auskunft angerufen oder sich bei einem Anwalt erkundigt? Das hat mich ohnehin zur Weißglut getrieben, dass Emilie die ihr zur Verfügung stehenden Hilfmittel, in dem Fall den Anwalt, so selten um Unterstützung gebeten hat. Er war doch mit allem vertraut … als Familienanwalt. Einiges ist schon etwas arg unrealistisch oder sagen wir mal: zu stark ins Jahr 2013 gezogen.
Aber das ist nicht das Problem an dem Buch. Die Hinführung zur eigentlichen Geschichte, die im Klappentext so nett angekündigt wird, das Geheimnis der Tante Sophia, braucht eine Ewigkeit. Es sind quasi zwei Bücher in einem. Die Autorin hätte gut daran getan, einen Zweiteiler aus diesem Roman zu machen. Potential dazu ist genug im Buch, denn auch wenn das Geheimnis lockt und es sich ewig hinzieht, bis es zum angekündigten Thema kommt, hastest Lucinda Riley durch die Monate hinweg, bis sich Emilie in einer komplett anderen Lage befindet. Die Schulden der Mutter sind getilgt, sie selbst ist verheiratet und hockt nun in England(!) in einem verfallenen Herrenhaus! Natürlich behält sie das Herrenhaus in der Provence und natürlich lief ihr der Fremde vom Beginn nicht ohne Grund über den Weg. Dass mit diesem Mann was nicht stimmt, verfolgte mich eigentlich seit seinem ersten Auftauchen: zu freundlich, zu aalglatt, zu bemüht, zu dienstbeflissen … alles ein wenig too much. Und siehe da, es gibt ihn nicht allein: Er hat einen Bruder, das schwarze Schaf der Familie, der böse Wolf, der charmant um Einlass bittet, die Geißlein geschickt manipuliert und sie schließlich mit Haut und Haar verschlingt. Nun gut. Auch hier hat man als Leser stets den Eindruck: Leute, redet miteinander! Soap-Opera, sage ich nur, das Offensichtliche wird so lange in die Länge gezogen, bis die „Auflösung“ keine „Erlösung“ mehr ist, sondern plump wirkt. Jeder weiß Bescheid nur derjenige, den es etwas angeht, fischt im Trüben. Naja.
Das Geheimnis der Familie de la Martinières führt den Leser schießlich ins Jahr 1943. Er lernt eine junge Frau kennen, deren Mann als verschollen gilt. Aufgrund ihrer Herkunft, sie ist Halbfranzösin, wird sie für einen gefährlichen Einsatz ausgewählt, der sie in die Reihen der französischen Resistance bringen soll. Sehr guter Ansatz, darauf hatte ich beim Lesen eigentlich gewartet, dass etwas Interessantes passiert. Nur … fehlt dieser Binnenhandlung der Kick! Die Aktionen sind vorhersehbar und teilweise würde ich die Handlungsweise der beteiligten Personen als nicht nachvollziehbar beschreiben um nicht zu sagen: unlogisch und inkonsequent. Natürlich könnten Menschen so reagiert haben, die Autorin hat in Fachliteratur recherchiert und ich möchte nicht behaupten, dass es nicht ähnliche Fälle gegeben haben mag, doch scheinen mir die Entscheidungen der Menschen im Buch zum Teil sehr fragwürdig. Eine Agentin sollte wissen, wann sie den Mund zu halten hat und wann sie wie zu reagieren hat. Und genau diese Weitsicht fehlt der Hauptakteurin in der Binnenhandlung.
Es ist ein Roman, ein Liebesroman und er ist nicht mit einem tragischen Ende geschrieben. Soviel sei verraten. Er hat sich rasch und zügig gelesen, trotz der inhaltlichen Schwächen. Diese inhaltlichen Schwächen wiegen jedoch schwer. Emilie hätte ich an mehreren Stellen im Buch heftig durchschütteln mögen, um sie zur Vernunft und auf die richtige Spur zu bringen. Ich habe mal gelesen, dass Lucinda Riley es bevorzugt, starke Frauenfiguren zu kreieren und über diese zu schreiben. Doch gut zwei Drittel des Romans habe ich mich gefragt: Wo sind diese? Ansätze sind da, doch den Großteil der Lektüre habe ich mich gefragt, wie naiv Emilie sein muss, um nicht zu sehen, was vor sich geht. Es genügt nicht, dass eine weibliche Figur in ihrem Lebenslauf ein Studium der Tiermedizin und einen Bruch mit der Familientradition oder einen Ausbruch aus Konventionen stehen hat, sondern man sollte es als Leser auch spüren, dass die Figur intelligent ist, ihre Stärken einzusetzen weiß und ihrem Handeln nach emanzipiert ist, nicht nur dem Namen nach. Es hat mich sehr gestört, wie mit Klischees gespielt wurde: Emilie sei ein wenig zu pummelig, habe aber abgenommen, finde sich selbst eher unscheinbar, um nicht zu sagen hässlich, doch die Herren im Buch, finden sie wunderschön … Entschuldigung, aber das finde ich plump!
Ich habe das Buch übrigens zu ende gelesen, nicht, weil ich wissen wollte, wie es ausging, sondern weil ich irgendwann auch die Rückfahrt mit dem Zug angetreten habe und, daheim angekommen, lediglich noch 50 Seiten zu lesen waren. Also gefällig geschrieben ist es auf jeden Fall. Die Übersetzung ist gut. Doch meinen Geschmack hat der Roman leider nicht getroffen. Die Erwartungen waren wohl zu hoch. Sie wurden nicht erfüllt. Dennoch werde ich der Autorin eine zweite Chance geben. Ihr Erstlingswerk „Das Orchideenhaus“ soll sehr gut sein. Ein Blick in dieses Buch sollte nicht schaden. Aber ich werde hier lieber die Bibliothek vor Ort in Anspruch nehmen und nicht den Verlockungen des Bahnhofshops erliegen.